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In der BRD hat die Atomkatastrophe von Fukushima das Ende der schwarz-gelben Koalition eingeläutet. Momentan schwangen die wacheren unter den bürgerlichen Meinungsmachern zumindest punktuell mit den Kapitalismuskritikern auf derselben Wellenlänge. So Jürgen Kaube, der eine knappe Woche nach dem Beginn der Katastrophe seinen FAZ-Leitartikel mit dem bedrückten Staunen darüber eröffnete, „in wie vielen Fragen, die ihre Selbsterhaltung betreffen, die Menschheit keinen Schritt vorankommt“. Angesichts der neuerlichen Nuklearkatastrophe stieß ihm auf, „dass alles, was gerade erörtert wird, genau so auch schon vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren diskutiert wurde. Es gibt kein einziges neues Argument. Man kann jetzt alle Texte, von Anders und Jungk und Steinbuch und Weizsäcker […] noch einmal lesen.“ Das führt ihn aufs Verhältnis theoretisch erkannter objektiver Möglichkeit und ihrem realen Eintreten: „Wie kommt es […], dass denkenden Wesen erst die eingetretene Wirklichkeit ihre Möglichkeit erweist?“ Das zielt auf die Bundeskanzlerin. Er zieht daraus den Schluss, „dass es nicht in erster Linie auf Argumente ankommt“, sondern dass diese abhängig von Kräfteverhältnissen und Machtkalkülen hervorgeholt werden. Indem die Regierung nur taktisch auf die Ängste der Menschen eingeht, bewirkt sie „einen zweiten Verlust an Zeitgefühl. Denn nicht nur liegen alle Bücher über das Atomzeitalter vor uns, als seien sie soeben erst geschrieben worden. Es gibt auch keinen Anhaltspunkt dafür, dass wir sie nicht in, sagen wir, drei oder sechs oder zwölf Monaten längst schon wieder ins Antiquariat getragen haben werden“. Als Norm hinter allen Normen entziffert Kaube freilich nicht den Verwertungsprozess und den verselbständigten Akkumulationszwang, den dieser über Wirtschaft und ges als permanenten Wachstumszwang verhängt, sondern „die Sicherung des Lebensstandards“, den er anscheinend quantitativ-konsumistisch begreift. „Insofern wäre erst eine Politik, die es wagte, jene Verzichte zu beziffern, die ein Leben ohne Kernenergie und die Komplettverfeuerung des Planeten bedeuten würde, etwas Neues, etwas Epochales.“ Kaube übersieht, dass es „unstreitig ist, dass das BIP soziale und ökologische Aspekte nicht hinreichend abbildet“ (Antrag 2010) und es an sich durchaus möglich wäre, die Wirtschaft auf eine Weise so umzubauen, dass bei geringerem Warenverbrauch ein qualitativ besseres Leben realisiert werden könnte (vgl. etwa Hickel 2011), eine Veränderung zu mehr ‚Zeitwohlstand‘, die nicht in Verzicht aufginge. Die von ihm ausgeblendete Blockierung dieses Weges besteht darin, dass damit der kapitalistische Wirtschaftsprozess als kapitalistischer seine Grenze gefunden hat, an der die dazulernende Menschheit ihn im Übergang zu einer nachhaltigeren Lebens- und Produktionsweise zurückzulassen oder zumindest seine Herrschaft zu brechen und der Politik zu unterwerfen hat. Sollte die Energie der Wertvermehrung, der „Heißhunger nach mehr Gewinn“ (Marx, 23/429), noch schwerer zu zähmen sein, als die Atomenergie?
Auszug aus dem Editorial von Wolfgang Fritz Haug zum neuen Heft der Zeitschrift Das Argument 291: inkrit.de/argument/archiv/DA291/DA291_editorial.pdf

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