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Die größte Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren führte zu einer enormen Ausgabensteigerung der Staaten und zu Schuldenkrisen in Osteuropa, der Eurozone, den USA etc. – ohne dass die Ursache der Krise, die finanzielle Überakkumulation signifikant abgebaut worden wäre. Einige kurze Punkte dazu… (Bild: Alan Greenspan)Die größte Finanzkrise seit 1929 mit gigantischen Bankenrettungsprogrammen und unbegrenzter Bereitstellung von Liquidität durch die Zentralbanken bearbeitet, um einen Zusammenbruch des Finanzsystems zu vermeiden. Die Kredit- und Finanzkrise legte eine Weltwirtschaftskrise frei, die in den alten und neuen kapitalistischen Zentren mit einer Welle von Konjunkturprogrammen bearbeitet wurde. Allein die USA setzen über 2 Bio. US-Dollar ein, um die Auswirkungen der Krise einzudämmen. Die Rettungsschirme der EU und der Mitgliedstaaten umfassen zusammengenommen ein Volumen von ebenfalls über 2 Bio. €. Hinzu kommen Konjunkturprogramme in Höhe von 600 Mrd. €. Die Zentralbank Federal Reserve versucht durch allerlei Maßnahmen die Wirtschaft zu stimulieren und durch den Ankauf von Hypothekenpapieren und Staatsanleihen in Höhe von über 800 Mrd. US-Dollar die Liquidität zu sichern. Seit März 2010 investiert sie darüber hinaus monatlich 100 Mrd. US-Dollar in solche Titel (FTD 18.10.10). Auch die EZB und andere Zentralbanken folgten diesem Beispiel, jedoch sehr viel zurück haltender und inkonsequent.

Diese Krisen und Krisenreaktionen führten zu einer enormen Ausgabensteigerung der Staaten – ohne dass die finanzielle Überakkumulation signifikant abgebaut worden wäre: nur ca. 2 Bio. US-Dollar fiktiven Kapitals wurden laut Financial Stability Board real abgeschrieben und damit vernichtet – bei einem Bestand von geschätzten 200 Bio. $ privat-gehaltener Geld-/Finanzvermögen. Auch die extremen Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen wurden nicht abgebaut (Angaben laut IWF bzw. UNCTAD). Zwar werden nun mit Basel III und der Finanzmarktreform in den USA die größten Re-Regulierungsmaßnahmen seit 40 Jahren durchgesetzt. Doch blockieren unterschiedliche Interessen zwischen den Regierungen und die starke Gegenwehr der Finanzinstitutionen ein abgestimmtes Vorgehen. Eine ernsthafte Regulierung, gar ein Abschmelzen der Finanzvermögen (durch kontrollierte Vernichtung/Abschreibung und Sozialisierung) wie in den 1930er Jahren findet nicht statt (vgl. Wahl 2010).

Entwicklung der finanziellen Überakkumulation

Der Finanzcrash 2007/2008 und die globale Wirtschaftskrise Ergebnis einer sich langsam immer stärker aufbauenden Überakkumulation. Bekanntermaßen hat sich das Volumen der Finanztransaktionen in Höhe von 3300 Bio. $ pro Jahr gegenüber einem Welthandelsvolumen von nur 16 Bio. $ und grenzüberschreitenden Direktinvestitionen von knapp 2 Bio. $ im Jahr 2008 potenziert. Allein das Volumen des Derivatehandels schätzte die BIZ für das Jahr 2008 auf 1600 Bio. US-Dollar, der Bestand lag bei etwa 345 Bio. Dollar (www.bis.org). Wird eine durchschnittliche Verzinsung sagen wir von bescheidenen 3% angesetzt, so ergeben sich Zinsansprüche von über 10 Billion US-$, in etwa das gesamte BIP der Bundesrepublik, Japans und Großbritanniens zusammen. Ansprüche die letztlich nichts anderes Darstellen als die Abschöpfung andernorts produzierten Mehrwerts.

Dieser Vergleich soll nur den Umfang des Handels mit derivativen Finanzinstrumenten verdeutlichen; natürlich werden aus Derivatebeständen nur zum Teil direkte Zinsforderungen abgeleitet, vielmehr handelt es sich zu einem beträchtlichen Teil um ein Null-Summen-Spiel wechselseitiger Forderungen innerhalb des transnationalen Bankensektors. Im Unterschied zu normalen Aktiengeschäften findet der Derivatehandel ›in der Zukunft‹ statt und muss entsprechend auch nicht in der Gegenwart finanziert werden. Daher kann ein Händler beispielsweise mit Futures unter geringem Einsatz für minimale, zu hinterlegende Sicherheitsleistungen, riesige Positionen Aufbauen. Auf diese Weise erklärt sich die enorme spekulative Expansion der Derivate. Doch wenn Verpflichtungen nicht eingelöst werden können, weil unerwartete Zins- und daher Kursbewegungen von den Wertpapieren eintreten, die den Derivaten zugrunde liegen – etwa gebündelte und verbriefte Hypothekenkredite –, können Verträge platzen und das Kartenhaus der Derivate zum Einsturz bringen.

Der Tendenz zur Überakkumulation wurde begegnet, indem neben der ständigen Verfeinerung der Finanzmarktinstrumente und -strategien, die Suche nach neuen Verwertungsmöglichkeiten durch Einbeziehung neuer Räume (etwa Ostasien), und die Erschließung bisher nicht inwertgesetzter Bereiche (z.B. genetische Ressourcen, allgemeines Wissen und intellektuelles Eigentum, Verschmutzungsrechte, Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen) betrieben wurde. Ein weitere Möglichkeit war und ist die Entwicklung neuer Produkte und Produktionsmittel (z.B. den Informationstechnologien und der sog. New Economy). Dazu tritt, die Reproduktion der Arbeiterklasse immer umfassender zum einem unmittelbaren Bestandteil der Kapitalverwertung zu formen, immer neue (Konsum)Bedürfnisse zu schaffen, vom Flachbildschirm bis zum Eigenheim. Erheblich dazu beigetragen haben nicht zuletzt Finanzinnovationen zur Integration der Arbeiterklasse in Kreditverhältnisse: über die Einführung und Ausweitung von Ratenzahlungen, Konsumentenkrediten, Hypotheken- und Bausparkrediten mit entsprechenden staatliche Förderungen, der Erfindung der Kreditkarten oder der Privatisierung der Rentenversicherung (auf Kapitalbasis) – oder eben die sog. Sub-Prime-Kredite. All diese Strategien haben nicht verhindert, dass sich eine immer größere „Plethora des Kapitals“ (Marx, MEW 25, 261) aufbaut, von überakkumuliertem Kapital, für welches es an ausreichenden Investitions- und Verwertungsmöglichkeiten mangelt und „dadurch auf die Bahn der Abenteurer gedrängt: Spekulation, Kreditschwindel, Aktienschwindel, Krisen“ (ebd.).

Die spekulative Blase, die 1997/98 zu den Krisen in Asien, Lateinamerika und Russland, führte hatte als reale Grundlage noch die Ausdehnung der Akkumulation in neue Verwertungsräume, die dot.com-Blase, die 2001/2 platzte, finanzierte die Entwicklung, Verbreitung und Verwertung der Internet-Technologien, bevor die ›Übertreibungen‹ korrigiert wurden. Die Immobilien- und Kreditblase, die sich nun entlud, hatte hingegen kaum noch neue tragfähige Akkumulationsfelder eröffnet, sondern fast ausschließlich die finanzielle oder fiktive Akkumulation vorangetrieben. Die Summen des akkumulierten Vermögens führt zu Ansprüchen am Mehrwert, die die eigentliche Mehrwertproduktion um ein Vielfaches übersteigen (Husson 2010). Zyklische Krisen und modifizierte Akkumulationsstrategien konnten zwar die Verdichtung dieser Entwicklung in einer strukturellen Krise über lange Zeiträume bearbeiten und verzögern, aber nicht verhindern.2 „The current crisis represents a major rupture in the neoliberal ‚productive order‘ whose elements, put in place over a long period, are coming apart globally.“ This is not a „periodic crisis“ but „an entry into crisis of the essential features of the period“, so Michel Husson (2010). Die Hypothekenkrise (vgl. Candeias 2010) war sozusagen der konjunkturelle Ausdruck dieser molekularen Veränderung.

75% off NOW!

Einschränkend muss gesagt werden: Die Höhe der wirklichen Überakkumulation ist nicht bestimmbar, das Kurse nicht einfach in Relation zu realen Profiten gesetzt werden dürfen, sondern immer auch künftige Erwartungen von zu realisierenden Profiten und Kursentwicklungen spiegeln. Auch produktive Investitionen, durch Kredite, Anleihen oder Ausgabe von Aktien finanziert, sind immer spekulative Investitionen in die Zukunft. Zur Debatte um die relative Entkopplung der Finanzmärkte von Produktion und Handel vgl. Altvater 1996, 250; Candeias 2004/9, 144ff). Es geht also nicht um absolute Größen, sondern Relationen, Proportionen und ihre Einschätzung.

Aber wie hieß es so schön in unserer Brussels Declaration:
„Stop Bubble Politics, break the logic of the growth machine, and resist the restoration of neo-liberal power. Downsize financial-crisis-capitalism immediately. GET 75 % OFF NOW!“

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