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Wirtschaftliches, v.a. einseitig export-orientiertes Wachstum, sei es von Agrargütern, Rohstoffen oder Industrieprodukten, hat sich für Länder des globalen Südens häufig als Blockade der Entwicklung erwiesen. Auch ‚erfolgreiche’ Länder wie China oder Indien stoßen bei ihrer nachholenden Entwicklung auf ökonomische Grenzen exportorientierten Wachstums wie an ökologische Grenzen. Für Länder des globalen Nordens gilt diese Erkenntnis schon länger: die Wachstumsraten sind seit Jahrzehnten rückläufig, die ökologischen Grenzen überschritten. Jenseits der Wachstumsbeschleunigung werden jedoch kaum andere Strategien der Krisenlösung angestrebt. Dabei entwickeln sich in unterschiedlichen Kontexten Debatten zu diesem Thema.

In Lateinamerika wird eine scharfe und produktive Debatte der Kritik am Neodesarrolismo (wiederaufgelegten Entwicklungsparadigma) und Extractivismo (Konzentration auf Rohstoffausbeutung) geführt. Sie verbindet Wachstumskritik, mit der Kritik an ‚westlichen‘ Vorstellungen von Fortschritt und linearer Entwicklung im Sinne von Modernisierung. Sie speist sich insbesondere aus indigenen Philosophien, aber auch aus anderen Quellen und sozialen Auseinandersetzungen um Buen Vivir. Letztere haben Eingang gefunden bis hinein in die Politiken und Verfassungen linker Regierungen in LA und versuchen vor dem Hintergrund der diagnostizierten ‚Zivilisationskrise‘ eine Transformationsperspektive zu eröffnen (z.B. Ana Maria Larrea ). Auch in Afrika haben exportorientierte Wachstumsstrategien und Modernisierung meist enttäuschende bis verheerende Ergebnisse mit sich gebracht. ANSA und andere Projekte versuchen hier Gegenkonzepte zu entwickeln. In Asien gibt es starke Kritiken an den gebrochenen Versprechen eines ‚inklusive Growth’ – tatsächlich handle es sich in der Realität eher um Formen eines ‚predatory Growth’ (vgl. LuXemburg 1/2011)

In der sich entwickelnden Klima(gerechtigkeits)bewegung wird mit Blick auf die multiplen Krisen eine grundsätzliche Kritik an der gegenwärtigen Produktionsweise formuliert. Degrowth und buen vivir sind viel diskutierte Gegenkonzepte, deren Konkretisierung noch aussteht (vgl. Nicola Bullard oder Tadzio Müller u. Alexis Passadakis).

In der feministischen Debatte existiert schon lange eine Kritik an einem Wirtschaftsmodell, das auf industrielles Wachstum und Export setzt. Dagegen setzen sie auf Orientierung an menschlichen und natürlichen Bedürfnissen und Anstoß einer ‚Care-Revolution‘ (Gabriele Winker in LuXemburg 3/2010) oder der ‚Reproduktionsökonomie‘ (Candeias). Hier gibt es viele Anschlussmöglichkeiten an sozial-ökologische Wachstums- und Entwicklungskritik sowie an das buen vivir. Mit einer ähnlichen Orientierung auf Dienstleistungs- und Care-Ökonomie arbeiten gewerkschaftliche Debatten im Umkreis von Verdi, die für ‚qualitatives Wachstum’ plädieren (z.B. Sabine Reiner).

Bisher gibt es jedoch nur wenig konkrete Übersetzungsversuche, die Differenzen und Gemeinsamkeiten herausarbeiten, Erfahrungen austauschen und vor dem jeweils spezifischen Besonderheiten der jeweiligen Region eine transnationale Verbindung von Elementen erlauben. Die RLS hat in diesem Zusammenhang beim Weltsozialforum in Dakar einen ersten Versuch unternommen, mit zwei Seminaren „Growth.DeGrowth.Transition – A Critique of Development and Alternatives“ und „Just Transition – Beyond (quantitative) Growth“ mit Nicola Bullard (Focus on the Global South), Tendai Makanza (ANSA Simbabwe), Edgardo Lander (Foro Social Venezuela), Uli Brand (Buko), Maria Theresa Lauron (Peoples’ Protocoll on Climate Change, Philippinen), und Tadzio Müller (Climate Justice Action).

Gestritten wurde nicht zuletzt um Konzepte und ein Verständnis der jeweiligen Position. Was ist gemeint, wenn wir vom Wachstum reden (vgl. Was zum Teufel…). Deutlich wurde wie dramatisch die ökologische Krise, v.a. die Klimakrise von allen betrachtet wird, ohne dass dies notwendigerweise Folgen für die politische Strategie hätte. Einigkeit bestand wieder über eine notwendige und weitreichende sozial-ökologische Transformation – über die Schritte dorthin bestanden erhebliche Differenzen. Dringend bedarf es der Entwicklung gerechter Übergänge – Just Transition –, die auch für die von der Klimakrise am stärksten Betroffenen wie für die vom Umbau bedrohten Beschäftigten, Gemeinden und Länder eine Perspektive bietet.

Versuchsweise formulierte Nicola Bullard Kriterien für einen solchen gerechten Übergang: Alle zu treffenden Maßnahmen müssten daran gemessen werden, on sie a) relevant zur Senkung von CO2-Emmissionen, b) zur Reduzierung von Armut und Vulnarabilität (Verletzlichkeit) sowie c) zur Reduzierung von Einkommens- und anderer Ungleichheiten beitragen. Beschäftigung und Gute Arbeit wären noch hinzu zu fügen. Sicher kann die Liste der Kriterien beliebig fortgeführt werden. Für eine erste, interventionsfähige Methode zur quantitativen Beurteilung wären dies jedoch vier ganz wesentliche Punkte.

Die neue Ausgabe der Zeitschrift LuXemburg widmet sich dem Thema „gerechte Übergänge“ mit einem Schwerpunkt (Heft 1/2011).

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