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Frances Fox Piven

Frances Fox Piven ist Hochschullehrerin für Politikwissenschaft und Soziologie am Graduate Center der City University of New York (CUNY).  2006/7 war sie Präsidentin der American Sociological Association, ihre ASA-Presidential Address hatte den programmatischen Titel “Can Power from Below Change the World?”.

Under her leadership“, vermerkt die Cuny-Biografie, “the ASA conference’s theme was “Another World Is Possible,” echoing the slogan of the World Social Forum. She used her tenure to challenge fellow sociologists to respond to current neo-liberal policies by searching for political strategies that might affect “reform and transformation.”

Sie wurde vielfach ausgezeichnet. Piven arbeitet über Sozialpolitik und Armutsfragen, soziale Bewegungen (Poor People’s Movements: Why They Succeed, How They Fail) und Wahlen (gemeinsam mit Richard Cloward  “Why Americans Don’t Vote” , “Why Americans Still Don’t Vote: And Why Politicians Want It That Way” oder “Keeping Down the Black Vote“). In “The War at Home” (2002) analysierte sie die inneren Ursachen und Folgen der neuen US-Kriege. Auch in ihrem letzten Buch “Challening Authority. How Ordinary People Change America” (2008, zugänglich über scribd) steht ihre zentrale Frage im Zentrum: wie können Arme und “gewöhnliche Leute” ihre Lage selbst ändern?

Frances ist Aktivistin, Akademikerin, Linke. Über das Left Forum und das Brecht Forum (mit denen die RLS seit Jahren kooperiert) begann auch eine Zusammenarbeit zwischen der RLS und ihr. Sie war zuletzt auf der internationalen RLS-Tagung “Class in Crisis” 2009 in Berlin, wo sie einen Vortrag über “Gewerkschaftskämpfe zwischen Entsolidarisierung und neuer Solidarität” hielt und mit Louis Wacquant, Margit Mayer u.a. über “Bestrafen der Arbeit – “(Neu-)Formierung des neoliberalen Staates?” diskutierte.

Jetzt ist sie, wie jüngst die New York Times schreibt, auf eine Weise zum target des Rechten Glenn Beck von Murdoch’s Fox geworden, die für manche “lebensbedrohlich” scheint (“endangering her life”). In Becks Sendung, die über 2 Millionen Zuschauer hat und seinen Websites ( wie The Blaze) wurde Frances Fox Piven als gewalttätige Verfassungsfeindin denunziert. Auf Blaze wurden im letzten halben Jahr 9 Artikel gegen Piven publiziert, Beck ist  mittlerweile über fünfzig Mal über Piven hergezogen.  Sie wurde zu “einer der neun gefährlichsten Menschen der Welt” erklärt. Nach dem Tucson Massaker rief Beck seine Zuhörer auf, sich gegen jede Gewalt zu wenden, ob sie von den “Hutaree-Milizen (eine bewaffnete rechtsextreme, religiöse Terroristengruppe in den USA – R.R.) oder von Frances Fox Piven” propagiert würde.

Beck: “Are there and is there anybody calling for violence? Yes. Who are they? Well, show me the evidence that it’s Rush Limbaugh. Show me the evidence that it is Sarah Palin. You go ahead and stack up that evidence that doesn’t exist, and I will stack up the evidence against Frances Fox Piven.”

In mittlerweile Tausenden von Print-, Internet- und Blogeinträgen wurde sie attackiert als Frau, ältere Frau, Jüdin, Intellektuelle, Linke, Terroristin, kommunistische Sympathisatin, Marxistin, Soziologin. Kaum eine Publikation der politischen Rechten der USA hat versäumt, Frances zum Feind zu erklären. Ihre wissenschaftliche Analyse und politische Position spielen natürlich keine Rolle, sondern die mediale Konstruktion einer Verschwörung zum gewaltsamen Umsturz: die “Piven-Cloward-Strategie”. Der Ausgangspunkt liegt, woran Dreier in der Huffington Post und die Herausgeber der Nation erinnern, natürlich in den 60ern.

1966 publizierte Frances Fox Piven gemeinsam mit ihrem späteren Lebensgefährten Richard A. Cloward in der Zeitschrift Nation einen Beitrag, dessen Ziel es war,  eine Situation zu überwinden, in der nur jede/r zweite Anspruchsberechtigte auf Sozialtransfers auch welche erhielt. Eine Kampagne zur Schließung dieser Differenz könnte zugleich dazu beitragen, das vorhandene offenbar unzulängliche System der faktischen  Reproduktion von Armut zu überwinden und eine jährliches Grundeinkommen durchzusetzen (“The ultimate objective of this strategy–to wipe out poverty by establishing a guaranteed annual income”). Piven beschrieb in einem Interview bei Amy Goodman diese Politik der Transformation:

That article didn’t  call for crashing anything, except the existing welfare system. It  proposed that people on the left help poor people in the cities get  their full benefits from welfare. Now, at the time, welfare was denying  benefits to over half of the people that were eligible. It’s doing that  again now. But the article helped inspire—it helped inspire an effort by  poor people, many of them people of color, in the cities to get the  benefits that they were entitled to from welfare.

Frances Fox Piven

Das Ziel dieser Strategie allerdings wurde verfehlt. Eine Konsequenz war der Versuch, Bewegungs- und Wahlpolitik miteinander zu verknüpfen, die zumeist aus der Armutsbevölkerung kommenden NichtwählerInnen zur Registrierung und Wahlbeteiligung zu bringen und so einen neuen “Kanal” für eine radikale Politik der Armutsbekämpfung zu schaffen. Diese elektorale Verschiebung spielte für die heute agierenden Konstrukteure einer bis zum “Sozialisten” Obama reichenden linken Verschwörung, den US-Kapitalismus zum “Kollaps” zu bringen, keine Rolle. Sie beziehen sich allein auf das Template einer “Piven-Cloward-Strategie”, wie es der einstige Linke David Horowitz in einem 2006 publizierten Band konstruierte (The Shadow Party: How George Soros, Hillary Clinton, and Sixties Radicals Seized Control of the Democratic Party): es gehe um eine linke Strategie zur Aushebelung des amerikanischen Kapitalismus, indem einzelne Bereiche gleichsam unter Stress gesetzt werden und unter Überforderungsdruck kollabieren. Hier aber wird die Causa “Fox gegen Fox Piven” zum Pilotprojekt, geradezu paradigmatisch. Einen Kapitalismus im Aufschwung heftet sich die Rechte an die Brust. Ist er aber in der Krise und im Abschwung (“Decline”), dann wird die Linke zum Sündenbock erklärt: sie wird für den Niedergang verantwortlich gemacht, sie orchestriert die Krise und betreibt strategisch den Kollaps des Systems. Trifft die neue Decline-Debatte zu und haben wir es mit einem langen Niedergang des US-Kapitalismus zu tun, dann wird es auch eine lange Zeit geben, indem dieser Sündenbockmechanismus massiv ins Spiel gebracht wird:  die Linke als Schuldige des Abstiegs des US-Kapitalismus. Beck griff bereits im Frühjahr 2009 dieseVerschwörungs “theorie” auf und variierte sie mittlerweile fast ein halbes Hundert mal:

Let me introduce you to the people who you would say are fundamentally responsible for the unsustainability and possible collapse of our economic system. There are really two people, I’ve been telling you for a while. There they are: Cloward and Piven, Richard Cloward, Frances Fox Piven. They are authors of the Cloward-Piven strategy. Something else to remember is that this isn’t some conspiracy theory that we’re tossing out here. They wrote about collapsing the economy and how they plan to do it in an article they co-authored in the 1960s, “Mobilizing the Poor: How It Could be Done?” six months later published in The Nation under the title “The Weight of the Poor: A Strategy to End Poverty.”“The Weight of the Poor: A Strategy to End Poverty.”

Der Publikation eines – angesichts der gegenwärtigen Krise recht naheliegenden – Beitrags Pivens “Mobilizing the Jobless” in der Nation im Januar 2011 folgte eine aggressive Reaktion in dem Blog von Ran Radosh, die dann von Becks “Blaze” zum Anlass genommen wurde, Piven zur Verfassungsfeindin zu erklären.  Seitdem gibt es Aufforderungen und Zusagen, Frances Fox Piven bei nächster Gelegenheit zu ermorden – und zwar zuhauf. Beispiele aus einer umfangreichen Zusammenstellung geben einen Einblick in die Gewaltrhetorik dieses Teils der  US-Rechten:

• “Maybe they should burst through the front door of this arrogant elitist and slit the hateful cow’s throat”
• “We should blow up Piven’s office and home”
• “I am all for violence and change Frances: Where do your loved ones live?”
• “Another Idiot here who needs to be Euthanized!”
• “Dear Frannie, Trotsky got his in Mexico with a well applied icepick.”
• “I would not be upset at all if she got hit by a car sliding in the snow during a winter storm…. yeah, i wouldn’t be upset at all, i don’t even consider her human.”
• “Hey Frances and your “unruly mobs”! I’d like you to meet bullets! Our friendly neighborhood riot police can help you make their acquaintance!”
• “Hey Frances. Please get sick and die quickly!”
• “That old woman is nothing more than bile coming from a rabid animal. put it out of its misery.”
• ” The time for talk is over ! i stand with free people and my Lord Jesus, he has the ability to forgive. I do not. It will be ugly”.
• “Here’s hoping that this Piven hag is the first one killed in her “Grand Socialist Revolution”!”
• “Bring it B*TCH, Bring it….You are all just future moving targets.”
• “Somebody tell Frances I have 5000 roundas ready and I’ll give My life to take Our freedom back. Taking Her life and any who would enslave My children and grandchildren and call for violence should meet their demise as They wish. George Washington didn’t use His freedom of speech to defeat the British, He shot them.”
• “Big Lots is having a rope sale I hear, you buy the rope I will hang the wench.”
• Hey Frances and your “unruly mobs”! I’d like you to meet bullets!
• “I say they should vent their frustration by stringing up the old hippy revolutionaries like Piven.”
• “Isn’t it time we schedule Ms. Piven’s end-of-life counseling session?”
• “OK! If it is violence she wants I think we should start with Ms. Piven.”
• “I have at least 400 rounds ready for those freaking communist’s when ever they are ready”

Jede Politik der Transformation wird mit einer Rhetorik der Verschwörung konfrontiert werden: wo die Linke sich mit der Dialektik von Reform und Revolution abrackert, sieht die Rechte in dieser bloß als Reformisten verkleidete Radikale. Folgerichtig ist jeder reformistische Schritt unvermittelt radikal – für Beck etwa ist ein garantiertes Einkommen schlicht “communism“. Als Studiohintergrund hat Beck zuweilen einen “Baum der Revolution” platziert, in dem Cloward und Piven zwischen Che Guevera, Woodrow Wilson und dem SDS einerseits, Barak Obama andererseits ein zentrales Bindeglied darstellen – eine Verschwörungsvision, deren Gewaltpotential  mittlerweile ihre krasse Lächerlichkeit weit hinter sich gelassen hat.

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