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Was sie vortrage, könne nur ein kleiner Ausschnitt, einige Gedanken sein, die sie aus ihren Publikationen herausgreifen und nur als Skizze darstellen werde.

Eva Illouz, die mit ihrem Buch: „Der Konsum der Romantik“ weltbekannt wurde, bleibt angenehm zurückhaltend in der Erwiderung ihrer ausführlichen und gut zusammen gestellten Vorstellung von Thomas Flierl.
Sprechen möchte sie über die Vermarktung der Gefühle im Kapitalismus, über ihre Veränderung und Umwandlung zur marktfähigen Ware.
Der Kapitalismus bis in die 1960er Jahre zog seine Kreativität aus der Trennung von Ökonomie und Leidenschaft und stellte das rationale Handeln als effektives, ökonomisches Handeln in den Mittelpunkt seiner Deutungen. Der arbeitende Mensch war zu effektiver Arbeit fähig, weil Arbeit und Lebenswelt, Rationalität und Gefühlswelt klar getrennt wurde: rational in Fabrik und Untenehmen, leidenschaftlich, voller Gefühl in der Familie im Freundeskreis im Privatleben. Und dort bildeten die Gefühle, Emotionen die Basis des privaten Konsums. Sie wurden noch nicht als Potential für Produktivität verstanden und standen daher auch nicht im Fokus der Unternehmen und Unternehmer selbst. Wichtiger waren deshalb die Fragen nach Identität und die Ausbildung von Rationalität als handlungsdominierende Fähigkeiten.
Gefühle und Leidenschaften, Lebensgefühl und Lebensweise waren bestimmt für den privaten Lebensbereich und wurden dort zur emotionalen Basis für eine neue Kultur und Lebensweise des Konsums. Das Champagnerfrühstück, der Spaziergang am Strand, die Reise in die Ferne, das Candle-Light-Dinner z.B.  – dazu das richtige Auto, die richtige Kleidung, das richtige Parfüm, die richten Reisegüter für jeden Geschmack und Geldbeutel.  Die Massenproduktion seit den 60er Jahren machte dies möglich. Das Ideal der Romantik, romantische Gefühle, Sehnsucht, Leidenschaft wurden Teil dieses Geschäfts der sich rasant entwickelnden Marktbranchen: Die Mode für alle, das Auto für jeden, die Liebesgüterproduktionen für romantische Stunden.
Was sich vollzieht ist die Kommodifizierung der Gefühle – die Gefühle als Kapital. Aber Waren haben Grenzen – nicht aber Gefühle. Sie sind Basis für eine Konsumkultur, die verbraucht wird, ohne wirklich gebraucht zu werden. Ein neuer Markt, der geschaffen wurde: So bindet sich  z.B. ein Liebespaar mit aller Sehnsucht und Leidenschaft an Produkte, die hierfür geschaffen werden.
Aber dies veränderte sich zum Ende der 60er/70er Jahre. Emotionen wurden als emotionale Intelligenz entdeckt, brauchbar für Unternehmen, nicht nur für die Werbebranche. Emotion als Produktivkraft: der rationale Mann gewann mit den Eigenschaften, die sonst der Frau zugeschrieben wurden, Fröhlichkeit und Leidenschaft. Emotionen als Gebrauchs- und Funktionswerte wurden zu Potentialen der Ware Arbeitskraft. Diese nur mussten gesteuert werden – es ging um kontrollierte Emotionen, um gewollte, also gesteuerte positive Emotionen – denke positiv – sei produktiv. Das positive Gefühl erhält Marktwert für den, der es ausstrahlt, für den, der es verfügt oder eben für den, der es vermitteln kann. Gefühl wird zur Ware so wie zuvor der Konsum der Romantik zur Ware, zu klingenden Münzen, zu Gewinn und Profit wurde.
Eine neue Form der Ware entstand, die nicht mehr auf der Trennung von Gefühls- und Arbeitswelt beruhte, sondern auf ihrer wechselseitigen Durchdringung: Gefühlsgüter als Wirtschaftsgüter, die zur Ware werden und nach Marktpreisen berechnet werden. Worauf bereits Marx verwies – der Kapitalismus, der alles zur Ware werden lässt, nun also auch die Gefühle der Menschen, ihre Emotionen werden instrumentalisiert, Teil der menschlichen Produktivkraft, die der Mensch an sich selbst entwickeln muss.
Die Modelle der Unternehmen verändern sich. Die Fähigkeit zuzuhören wird zum Schlagwort der Kommunikation zum Dogma in den Gesellschaften. Emotionen sollen und können Produktivität steigern, lassen sich zu Profit machen. Moderne Akteure in den Unternehmen und in der Industrie sind emotional hoch kompetente Wirtschaftsakteure. Damit wird die emotionale Komponente Wirtschaftskraft, Wirtschaftsfaktor und die Frage, warum ein Mensch so oder so handelt zur ökonomischen Fragestellung. Gefühle als Wirtschaftsressource werden zur Ware, die es psychologisch genauer zu analysieren gilt.
Gefühle als emotionale Waren werden von jemandem hervorgerufen, der eine Dienstleistung verkauft, um uns zu binden: z.B. für mentale Gesundheit, für beruflichen Erfolg etc. Hierbei spielt die Psychologie eine entscheidende Rolle, denn sie weiß, wie man über das Selbst spricht.
Die moderne Psychologie hat sich zwischen den 1920er und 1960ger Jahren entwickelt und ist heute eine dominante Einflussgruppe im Staat, in der Industrie, in allen Bereichen der Gesellschaft, selbst in den obersten Behörden. Sie wird in Anspruch genommen bei Trennung und Scheidung, bei der Frage wie man sich beruflich weiterentwickeln soll und wie man dazu am besten seine Gefühle temperiert.
Vor allem nach den 60er Jahren hat sie sich weiterentwickelt.  Die Psychologen haben eine Geschichte für und über das Selbst, erklären wie Menschen ihr Leben leben sollen, wie sie in die Zukunft blicken sollen – alles lässt sich therapeutisch bearbeiten. Es entwickelt sich eine Kultur der Psychologen für mentale Gesundheit, nach dem richtigen Maß für Arbeit: man arbeitet zu viel oder zu wenig, was auch immer. Irgendwo gibt es immer ein Defizit, das identifiziert wird, immer ist der Mensch noch unvollkommen genug und muss an seiner Selbstverwirklichung arbeiten. Es entsteht die Industrie der professionalisierten Selbsthilfe als boomendes Wirtschaftsunternehmen. Milliarden werden ausgegeben für persönliche Coachs, für Selbsthilfe- und Glücksbücher aller Art. Der Markt boomt, neue Unternehmen entstehen und machen Milliardengewinne.
Was aber verkauft wird, ist eine besondere Ware. Im Unterschied zu den Marxschen Waren kennzeichnet diese Ware die Koproduktion zwischen Produzent und Konsument, d.h. zwischen Psychologen oder wen auch immer und dem Patienten/Konsumenten. Es ist eine gemeinsame Produktion, die Hilfe bietet und die Hilfe in Anspruch nimmt. Z.B. wenn irgendwas falsch ist oder problematisch – das Sexleben z.B. – es ist nicht wie bei anderen – ein Defizit also, das es zu beseitigen gilt, so wie andere Defizite auch. Falsche Gefühle, falsche Reaktionen – ein neues Verlangen wird produziert – auch durch Werbung, durch Standards, durch Bilder, denen man entsprechen möchte oder muss, die zirkulieren und zu Produktion und Koproduktion führen.
Eine zweite Eigenschaft – es wird angeknüpft an ein Ideal, an eine Geschichte, die nicht viel kostet und als individuelle Geschichte vermittelt wird. Die dritte Eigenschaft, die diese Ware (Emotionen) prägt ist die unbegrenzte Arbeitszeit. Sie ist nicht festgelegt. Die Psychoanalyse z.B. geht ein Leben lang – wird produziert durch die Sprache – angeblich Hilfe bietet.
Außerdem weiß man nie, wann man seinen Punkt erreicht hat, d. h. man kann sie ein Leben lang wiederholen ohne anzukommen. Als Ergebnisse werden neue Diagnosen produziert, d.h. die Art der Ware hat Ewigkeitscharakter,  die Akteure arbeiten ständig immer wieder neu daran.
Unterstützt wird diese so geschaffene emotionale Arbeiterschaft durch Filmemacher, Künstler, Psychologen, die Emotionen gestalten, durch den Markt und über den Markt vermitteln. Berufszweige haben sich entwickelt, die die Fähigkeit haben, Produzenten wie Konsumenten zu gestalten. Emotionen werden gemanagt und eine neue emotionale Kultur des Kapitalismus geschaffen. Wir  sind Zeugen einer neuen emotionalen Ware, die uns auch selbst erfasst.
Aber kann man diesem widerstehen?
Antwort: Es ist schwierig dem Markt mit seinem Zwang zur  Selbstverbesserung und Selbstverwirklichung zu widerstehen  – Freud ist überall, erklärt Eva  Illouz.  Menschen standardisieren sich – per Therapie. Aber es gibt Unterschiede: In Israel z.B. gibt es im Unterschied zu Westeuropa keine echte Tradition der Romantik in der jüdischen rabbinischen Kultur – diese Kultur hat die Gefühle entemotionalisiert – Liebe wird zelebriert – ohne Bezug auf Emotionen.  In Israel ist der Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Leben viel schmaler als bei anderen Kulturen. Es gibt eine starke Politik für den Nachwuchs – Männer werden beispielsweise als Väter anders gesehen.
Frage nach dem emanzipatorischen Aspekt – Moment Versuchs von Selbstbestimmung – wo ist das emotionale  wo die kritische Praxis  –
Antwort: „Wir wissen nicht, was wir kritisieren sollen“ Woran wir leiden ist die Tyrannei der Freiheit. Wir müssen entscheiden, wer wir sind, je nach dem in welchen Bereich wir uns befinden. Niemand will eine Kritik der Freiheit. Zugleich findet die Freiheit ihren institutionellen Ausdruck,  z.B. Waschpulver, dreißig verschiedene Sorten stehen zur Wahl.
Eine andere Frage ist die Frage der emotionalen Verluste, die auch einhergehen können mit der Gleichheit der Geschlechter oder der Ethos der Selbstverantwortung und flexiblen Selbstveränderung. Die permanente Arbeit daran untergräbt die Fähigkeit der Menschen sich politisch zu engagieren. Anders als die Linke ist die Rechte erfolgreich, weil sie aus der Sicht Eva Illouz die emotionalen Aspekte nicht abverlangt. Der Stil der Linken – so Eva Illouz ist cooler, sie hat liberale Ideen, Leidenschaft steht im Mittelpunkt, die aber ist kälter als patriotischer Stolz – eine Art der Emotionen , die bei der Linken weniger zu finden ist. Ein anderer Aspekt ist der extrovertierte Stil von Linken:  – linke Identität ist komplizierter – z.B. der moderne Künstler zeigt, dass er zynisch ist, man/frau zeigt nicht Gefühle, ist nicht sentimental. Die Rechten dürfen sentimental sein. Die Linke verfügt über stark funktionalistische Argumentationen, alles was existiert, ist ein Aspekt der Erfahrung und des Vermissens von Dingen, die dann transformiert werden.

Ist aus ihrer Sicht  eine „linke“, besser emanzipative Psychologie möglich? Aus der Sicht Eva Illouz  ist das schwierig, falls überhaupt möglich.

Ein paar Anmerkungen
Eva Illouz beschreibt die Psychologie vor allem in ihrer pervertierten Form der Emotionsindustrie – des permanenten an sich arbeiten müssen in einem nie endenden Prozess statusgebundener  Anpassung an vermeintliche oder reale Standards, gesellschaftliche Erwartungen sowie soziale wie emotionalen Kompetenzerweiterung. Die pervertierte individualisierte Angleichung der Barbipuppenwelt nun in Echt- und Lebenszeit und Lebensweise.
Wie aber war diese Entwicklung möglich und worauf basiert sie? Sie selbst bearbeitet diese Fragen in ihrem Vortrag nicht – setzt deren Beantwortung voraus. Sie beschreibt die Umwertung der Psychologie als Dienstleistung und Emotionsarbeit, die zum Massenartikel, zum Konsumgut wird. So, wie man sich Fernseher, Autos, Fintesskurse kauft, so kauft man sich die psychologische Begleitung – das wohltemperierte Emotionsmanagement. Ein Markt der boomt – jeder hat seine(n) Psychologen für jede Gelegenheit: in der Industrie, im Unternehmen und gleichermaßen als individuellen Dienstleister. Die Liebe, die eigenen Emotionen, der Sex – alles ganz statusgemäß angepasst an gesellschaftliche Normen – selbst die Romantik. Dieses Bild beschreibt sie in beeindruckenden Farben. Aber sie bringt dieses Bild – trotz Marx – nicht in den Kontext zur grundsätzlichen Entwicklung von Arbeit und Arbeitswelt – der Veränderung von Produktions- und Lebensweise des Kapitalismus.
Diese verändert sich mit Auflösung ihrer fordistischen Ausprägung des männlichen vor allem weißen Normalarbeiters. Flexibilisierung und Individualisierung neuer Arbeitsformen und Tendenzen zur Entgrenzung von Arbeit bezogen auf Arbeitsort, Arbeitszeit, Arbeitsinhalte, die den ganzen Menschen einfordert und Arbeit und Leben nicht mehr klar von einander trennen lassen, müssen für den einzelnen mit neuen Herausforderungen verbunden sein, denen er gewachsen ist oder eben nicht.
Die neue Unübersichtlichkeit von Arbeits- und Lebensräumen, der Umgang mit Freiheitsräumen, der Zwang entscheiden zu müssen, wie ihn Sennett auf wunderbare Weise beschreibt, die damit verbunden Möglichkeiten zu irren, die Risiken und  die Chancen zu scheitern, sind nicht Gegenstand ihres Vortrages. Aber sind nicht gerade auch diese eine der Wurzeln für die Entwicklung der Psychologie als Emotionsdienstleistung, die zur selbstständigen Marktbranche mutiert, die in den USA – vor allem dort boomt? Psychologie als Orientierungshilfe in einer Welt, die unübersichtlich geworden ist, in der soziale Beziehungen, Arbeitsbeziehungen auch familiäre Beziehungen brüchig sind oder zumindest brüchiger werden: An die Stelle lebenslanger Arbeit tritt zunehmend die Projekt- oder Zeitarbeit. Immer weniger gibt es den lebenslangen Job – über Generationen nur noch selten, den lebenslangen Partner, die ewige Liebe in ewiger Ehe, nicht mehr das Leben in Familienverbänden, sondern individuell – insoweit dies der soziale Status ermöglicht. Hier hat die Psychologie ihre individualitäts- und zugleich systemerhaltende Funktion.
Soziale Beziehungen im Kapitalismus, werden zur individuellen Bewältigungsstrategie psychologisch begleitet. Gesellschaftliche Fragen werden psychologisiert, zum individuellen Herumdoktern. Hier müsste die Kritik ansetzen, die sie ja im Ansatz ausspricht. Dort wo die Soziologie als Wissenschaft gefragt wäre, um gesellschaftliche Beziehungen zu analysieren, zu hinterfragen und ggf. zu verändern, ihre Defizite wie Potentiale aufzudecken, wird gesellschaftlich psychologisiert. Psychologie statt Soziologie – nicht die sozialen also gesellschaftlichen Beziehungen werden gesellschaftlich gewollt zum Gegenstand von Untersuchungen, der Bearbeitung ihrer Problem und Kritik gemacht, sondern die individuelle Psyche in individueller Verantwortung möglichst selbst finanziert. Erst mit dieser gesellschaftlichen Gewichtung und vor dem Hintergrund flexibilisierter, individualisierter entgrenzter Arbeitsprozesse, Lebensweisen und vermeintlichen oder real existierenden gesellschaftlichen statusverbindlichen Standards erhält die Psychologie – anders als die Soziologie ihre gesellschaftlich getragene Akzeptanz und Räume für Dienstleistungen, die zur Massenware bestimmter gesellschaftlicher Schichten werden.
Aber diese psychologisierte Permanentarbeit an sich selbst, um den diffusen Arbeits- und Lebensanforderungen genügen zu wollen, kann sich nur ein Teil von Gesellschaft leisten, jener Teil, der in Woody Allans Filmen so wundervoll ironisch reflektiert wird. Mittelstand – mehr oder weniger gut in der Gesellschaft integriert aber letztlich – zumindest bei Woody Allen – beziehungsunfähig, immer wieder scheiternd oder sich selbst als permanent psychologisierend als Mangelware begreifend. D.h. das geschaffene Gut der Emotionsbegleitung, die neue Form der Ware, ist nur für einen Teil der Gesellschaft bestimmt, der sich diese leisten kann. Die Kassiererin im Supermarkt, der Mann an der Tankstelle hat diese Möglichkeit nicht, ebenso wenig die allein stehende Mutter, deren Mann für immer irgendwo hin verschwunden ist und mehrheitlich in den USA nichts für seine Kinder zahlt. Im unteren Drittel der Gesellschaft kann sich kaum jemand diese über Jahre laufenden psychologischen Therapien leisten und die kassenärztliche Übernahme dieser Kosten ist klar reglementiert – ganz sicher nicht nur in Deutschland. Und wer eine solche Therapie abbricht – bekommt nicht so schnell eine zweite Chance. Und hier denke ich, stellt sich ein anderes Problem: wie kann eine auf Kurzfristigkeit (jetzt – sofort – alles), auf schnellen Erfolg und Befriedigung realer und antrainierter Bedürfnisse angelegte Gesellschaft Menschen, die in ihr scheitern, zur langfristig anlegten Therapie befähigen?
Ein anderes Problem ist aus meiner Sicht, dass die als Ware Emotionsarbeit pervertierte Form der Psychologie im Vortrag als ihre allgemein gültige Form beschrieben wird, verbunden mit einem Selbstverständnis als individuelles Korrektivwerkzeug, als emotionale Dienst- und damit Geldwerte Leistung. Gemäß diesem Selbstverständnis ist Ausgangspunkt der Psychologie der defekte, sich immer wieder neu zu reparierende Mensch, der gleich einer Maschine im Dauerbetrieb seine emotionale Wartung braucht. Und dies in einem nie endenden Prozess der Selbstwartung. Aber dieses Bild der Psychologie – der defekte, also kranke Mensch ist nicht mehr das vorherrschende Bild in der Psychologie. Sicher, Psychotherapie und Verhaltenstherapie werden nur dann als Behandlungsmethoden eingesetzt, wenn es um Defizite, um ein Krankheitsbild geht. Aber darauf lässt sich die Psychologie nicht reduzieren. Im Vortrag werden die großen Bereiche der Psychologie nicht unterschieden. Psychologie wird mit Psychotherapie und diese mit Psychotherapie gleichgesetzt. Aber es ist schon ein Unterschied, ob man von Defiziten, von Krankheitsbildern ausgeht, oder aber die Frage nach den Ressourcen stellt wie in den systemischen Ansätzen der Organisationspsychologie und Familienpsychologie.
Diese Breite konnte nicht Gegenstand des Vortrags von Eva Illouz sein, aber gerade weil sie nur einen Ausschnitt und nicht das Ganze beschreiben konnte, ist die Verallgemeinerung des von ihr beschriebenen Ausschnitts aus meiner Sicht nicht auf Psychotherapie reduzier- und verallgemeinerbar.
Die Psychologie als Wissenschaft mit ihren unterschiedlichsten Wissenschaftszweigen hat außerdem Freud längst hinter sich gelassen. Auf der Höhe der Zeit versteht sich Psychologie heute – mit allen Einschränkungen, die es auch gibt, mehrheitlich als ressourcenorientierte Psychologie. Das gilt auch in den USA –  sowohl als Gegenstand der Wissenschaft, wie auch in ihrer praktizierten Form, z.B. der Familienpsychologie. Gerade auf diesem Gebiet vollzog sich der Wandel zur ressourcenorientierten Psychologie in den USA lange bevor dieser als Wissenschaftsdiskurs in Westeuropa präsent war. Mit diesem Verständnis konzentriert sich die Psychologie eben nicht mehr nur auf die einzelne Person, sondern versteht sie als besonderen Teil eines Systems mit individuellen Ansprüchen und notwendigen Verbindlichkeiten, die innerhalb des Systems ihren funktionalen auch emotionalen Ausgleich finden.
Psychologie wird – im Falle der Familienpsychologie –dann zur gesellschaftlich geforderten eingreifenden Disziplin, wenn dieser Ausgleich nicht mehr gegeben und ggf. Kindeswohl gefährdet ist oder in emotional hochstrittigen Trennungskrisen, die vom Familiensystem selbst heraus nicht mehr lösbar sind. Dies hat ganz sicher auch damit zu tun, dass in emotional aufgeladenen Trennungsphasen die sozialen und individuellen Konflikte miteinander verschränkt sich oft potenzieren und Lösungskompetenzen nicht im gleichen Maße gegeben sind. Das gilt auch für Probleme wie Gewalt in der Familie, Alkohol und Drogenkonsum, die es in allen sozialen Schichten gibt. Armut aber begünstigt bestimmte Entwicklungen. Diese Zusammenhänge zu analysieren, um entsprechende gesellschaftliche wie individuelle Veränderungen angehen zu können, müsste eine Forderung von links sein, die sich nur interdisziplinär mit Soziologen, Psychologen, Pädagogen, Ärzten, Institutionen der Familien- und Jugendhilfe umsetzen lässt. Aber das wird ja versucht – ganz sicher nicht nur in Deutschland insbesondere vor dem Hintergrund des Schutzes von Kindern.
Aber warum soll es eine „linke“ Psychologie – will heißen eine auf Emanzipation ausgerichtete Psychologie nicht geben können, also eine Psychologie, die hilft, Ressourcen frei zu setzen, die hilft autonom zu handeln, die temporäre Stütze ist für alle, die sie brauchen und nicht nur für den Teil der Gesellschaft, der es sich leisten kann, für den Einstieg in ein selbstbestimmtes Leben?  Liegen die Potentiale der Psychologie (wenn sie nicht auf Psychotherapie reduziert wird) nicht gerade auch in der Fähigkeit, interdisziplinär zu arbeiten, d.h. auch in Kooperation und nicht in Konkurrenz zur Soziologie? Auf dem Feld der Familienpsychologie ist dies zunehmend Praxis gerade auch in Berlin – mit der Herausbildung neuer interdisziplinärer Netzwerke zum Schutz von Kindern und Jugendlichen und zur Förderung von Familien. Liegt darin nicht auch eine Chance für Linke?

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