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Entschleunigung

Die Beschleunigungsdynamik, die alles Handeln im Kontext der Globalisierung erfasst hat, ist begleitet von Gegenströmungen, die in der »Entdeckung der Langsamkeit« eine Alternative zum Tempo-Diktat sehen. Slow Food ist das bekannteste Beispiel dafür. Als gesellschaftspolitische Alternative jedoch ist Entschleunigung in der Programmatik politischer Akteurinnen konzeptionell nicht explizit verankert. Nicht einmal die leicht umsetzbare Entschleunigungsoption eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen ist – trotz nachweisbar positiver Effekte auf Verkehrssicherheit und Senkung von CO2-Emissionen – mehrheitsfähig. Beschleunigung wird möglich durch die Erfindung von neuen Technologien des Transports und der Produktion im Zuge der industriellen Revolution und wäre undenkbar ohne die Nutzung von fossilen Energieträgern zum »Anfeuern« der mechanischen Antriebskraft. Die industrielle Revolution bringt Technologien hervor, welche die Schnelligkeit menschlicher oder animalischer Körper um ein Vielfaches übertreffen, enorme Produktivitätssteigerungen und sensationelle Wachstumsprozesse erlauben.

Die Schranken des agrarischen »Zeitalters der metabolischen Geschwindigkeit« und die Abhängigkeit von der »Geschwindigkeit des Lebendigen« (Rolf Peter Sieferle), die den größten Teil der menschlichen Geschichte bestimmt hat, wird mit einem revolutionären Wechsel der energetischen Grundlagen der Gesellschaft vom agrarischen Solarenergiesystem zum fossilen Energiesystem überwunden. Eine in vielerlei Hinsicht neue Qualität der Kompression von Raum und Zeit ermöglichen die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Die Möglichkeit der Kommunikation in Echtzeit liefert die technische Voraussetzung für einen tief greifenden gesellschaftlichen Wandel, zum Beispiel in Bezug auf die enorme Bedeutung von internationalen Finanzmärkten, netzwerkförmigen Unternehmensstrukturen oder neuen Formen der Kriegsführung. Beschleunigung – hier zweitens als Ausdruck von Zeitökonomie verstanden – bringt es mit sich, getreu dem Motto »Zeit ist Geld« das Innovationstempo ebenso wie Arbeits- und Produktionsprozesse durch das Stopfen von immer mehr »Zeitporen« extrem zu verdichten und zu beschleunigen. Zeitökonomie und Effizienzstreben werden mit immer neuen Methoden der Arbeitsgestaltung – vom Taylorismus über die Flexibilisierung bis hin zur Arbeitszeitfreiheit – umzusetzen gesucht. Sie prägen im Zuge der Subjektivierung von Arbeit zunehmend individualisierte Anforderungen der Selbstführung und die Mikro-Ökonomik der Gefühle.

Im Wettlauf der Zeit mitzuhalten und den Anforderungen des »Immer Schneller« gerecht zu werden, erfordert ein Tempo, das an Grenzen stoßen kann. In ökologischer Hinsicht ist die Beschleunigungskrise in den gesellschaftlichen Naturverhältnissen offensichtlich, da der Verbrauch von Ressourcen einen Umfang und eine Geschwindigkeit erreicht hat, die weit über die Zeitdauer von Neubildung bzw. Absorption hinausgeht. Regeneration und Gesundheit von Menschen leiden ebenso wie Sicherheit und Qualität der Arbeit, wenn Arbeitsprozesse zu sehr verdichtet sind. Lebensqualität steht in Frage, wenn Hektik und ein Diktat der Kurzfristigkeit dem »flexiblen Menschen« (Richard Sennett) den Verzicht auf langfristige Lebensplanungen und soziale Bindungen abverlangt. Soziale Rhythmen der Pflege, Erziehung und Versorgung geraten im Zuge ihrer Ökonomisierung in Konflikte mit dem Tempo-Diktat. Die Risiken der Beschleunigung haben längst dazu geführt, dass der Zeitmanagement-Diskurs einer Entschleunigung das Wort redet und die Abstimmung des Tempos auf physiologische und psychologische Rhythmen zur Kunst der Lebensführung erklärt. In diesem Sinne wird Entschleunigung zu einem Element der Zeitkontrolle, das im Sinne der Ökonomisierung von Zeit eingesetzt werden soll, letztlich aber den Individuen überantwortet wird. Slogans wie »Slow down. Pleasure up« sind damit längst zum Bestandteil des Zeitgeistes geworden, dethematisieren jedoch Machtunterschiede zwischen Zeitgeberinnen und Zeitnehmerinnen sowie gesellschaftlich unterschiedlich verteilte Potenziale der Gestaltungsmacht von Zeit. Besonders deutlich polarisieren Globalisierungsprozesse dabei Geschwindigkeit und verstärken die Spaltung in eine globale und hochmobile Elite, während andere zwangsweise entschleunigt an den lokalen Raum gebunden bleiben. Sozial-ökologische Zeitpolitik erfordert es daher zum einen, die Gestaltung kollektiver Rhythmen und sozial verträglicher Zeiten als öffentliches Gut und Feld politischer Gestaltung anzuerkennen. Zum anderen besteht die Herausforderung der Entschleunigung darin, die sozial-metabolische Basis von Ökonomie und Gesellschaft langfristig wieder auf ein Solarenergiesystem (- Energiewende) zu orientieren.

Zum Weiterlesen

  • Sennett, Richard (1998): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin.
  • Sieferle, Rolf Peter (1997): Rückblick auf die Natur: eine Geschichte des Menschen und seiner Umwelt, München.
  • Vinz, Dagmar (2005): Zeiten der Nachhaltigkeit. Perspektiven für eine ökologische und geschlechtergerechte Zeitpolitik, Münster.
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