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Dekommodifizierung

Der innere Drang des Kapitals ist es, alles was unter der Sonne existiert, zu kom modifizieren, also ihm einen Preis zu geben, um es dann zu tauschen. Sogar die Luft wurde durch (schlecht funktionierende) CO2-Märkte kommodifiziert. Die gegenwärtige Periode des deregulierten, privatisierten, globalisierten, finanzialisierten Neoliberalismus ist auf genau dieses Ziel ausgerichtet. Karl Polanyi beschrieb Prozesse der Kommodifizierung und Dekommodifizierung in seinem Buch The Great Transformation als eine »Doppelbewegung«: »Der Markt erweiterte sich ständig, doch stieß diese Bewegung auf eine Gegenbewegung, die diese Expansion in bestimmten Richtungen bremste.« Für Polanyi war die Gegenbewegung, die auf den ersten Höhepunkt der kapitalistischen Globalisierung 1914 folgte, »(mehr) als die übliche defensive Reaktion einer Gesellschaft auf Veränderungen. Es handelte sich vielmehr um eine Reaktion auf eine Umschichtung – eine Umschichtung, die die Substanz der Gesellschaft als solche angriff und gerade die durch den Markt hervorgerufenen Produktivkräfte vernichtet hätte.«

Doch mit der Abkehr von der keynesianischen, sozialdemokratischen Politik nach der Akkumulationskrise der 1970er Jahre fiel die Verantwortung für die Durchsetzung von Dekommodifizierung in die Hände der sozialen Bewegungen, teilweise im Bündnis mit Arbeiterlnnen- und Umweltbewegungen und oftmals über Grenzen hinweg operierend. Dieser Prozess begann mit der Offensive für eine echte Demokratisierung der peripheren Staaten während der Phase von 1970 bis 1990, zu einer Zeit, als einerseits die Schuldenkrisen der »Dritten Welt«, andererseits aber auch die Aufstände gegen die Sparpolitik von IWF und Weltbank dazu führten, dass selbst brutale Militärregimes sich nicht mehr an der Macht halten konnten, zuerst in Südeuropa, dann im Süden Lateinamerikas, in Ostasien, Osteuropa und in vielen Ländern Afrikas. Doch die Demokratisierungsprozesse blieben unvollständig, denn die Wirtschaftspolitik war davon nicht betroffen.

Ab Mitte der 1990er Jahre stellten immer mehr soziale Bewegungen, inspiriert von der zapatistischen Kritik des Freihandels, Dekommmodifizierung ins Zentrum ihrer Forderungen, ihrer Kampagnen und ihrer Revolutionen. Am erfolgreichsten war vielleicht der Anfang der 2000er Jahre geführte Kampf gegen monopolisierte intellektuelle Eigentumsrechte auf Medikamente gegen AIDS, in dem die südafrikanische TreatmentAction Campaign gegen die großen Pharmakonzerne, gegen die Regierungen in Washington und Pretoria und gegen die Welthandelsorganisation (WTO) einen Sieg erringen konnte, der dazu führte, dass Millionen von armen Menschen nun kostenlosen Zugang zu den Medikamenten bekommen, die Ende der 1990er Jahre noch 15.000 US-Dollar pro Jahr und Person gekostet hatten.

Ein Kampf für die Dekommodifizierung von Wasser würde zum Beispiel sicherstellen, dass es einen universellen, kostenlosen lifeline tariff gibt, der allen Konsumentinnen einen angemessenen, alltäglichen Versorgungszugang zu Wasser gewährt. Er würde die »öffentlichen Güter« (und »meritorischen Güter«), die mit Wasser verbunden sind, aufwerten, wie z.B. öffentliche Gesundheitsvorsorge, Geschlechtergerechtigkeit, wirtschaftliche Multiplikatoren, ökologische Faktoren und Aufhebung der räumlichen Segregation, die in einem warenförmig organisierten Modell der Wassversorgung üblicherweise ignoriert werden. Ein Luxusaufschlag für wohlhabende und zu viel Wasser verbrauchende Haushalte und Unternehmen wäre sowohl aus ökologischen Gründen sinnvoll als auch um die kostenlose Wassergrundversorgung querzufinanzieren. Und schließlich müssten gesetzliche und sogar verfassungsmäßige Absicherungen der Konsumentinnen durchgesetzt werden, um das »Recht auf Wasser« auf eine Weise zu verwirklichen, die zur Ermächtigung von Bürgerinnen und Arbeiterinnen, nicht von Bürokratlnnen beiträgt. Die Initiativen zur Dekommodifizierung entstehen über Grenzen und Sektoren hinweg. Das Weltsozialforum war oft ein zentraler Ort, an dem Kämpfe für Dekommodifizierung zusammenkommen, voneinander lernen und Strategien entwickeln konnten. Doch obwohl diese Kampagnen angesichts der Reichweite des Kapitals allgegenwärtig sind, bleibt der Neoliberalismus während Krisenperioden dominant und wird in mancher Hinsicht sogar noch verstärkt: Anfang der 1980er, Anfang der 1990er, Ende der 1990er und 2007-2012. Das bedeutet, dass die aktuellen Occupy-Bewegungen, die Indignados, die arabischen Revolten, die Bewegungen gegen die Sparpolitik und die verschiedenen einzelthematischen Initiativen ihre Alternativen der Dekommodifizierung verstärken müssen, dass sie die Punkte zwischen ihnen verbinden müssen, um das enorme Potenzial einer Bewegung von 99 Prozent der Weltbevölkerung und der Umwelt, gegen die Warenform und gegen die ungleichen und kombinierten Prozesse der Kapitalakkumulation verwirklichen zu können. (Übersetzung: Benjamin Opratko)

Zum Weiterlesen:

  • Polanyi, Karl (2009 [1957]): The Great Transformation, Frankfurt a.M.
  • Bond, Patrick (2006): The Decommodification Strategy
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