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Commons

Die DNA ist das uns Gemeinsame. Komplex als Ganzes, offenbart sie ein einfaches Prinzip: Nichts in ihr ist Monopol. Aus der freien Kombinierbarkeit ihrer vier Grundbausteine entsteht die Fülle des Lebens. Ähnlich verhält es sich mit den Commons (eher unzutreffend übersetzt mit Gemeingüter, Gemeinschaftsgüter oder Allmende). Auch die Vielfalt der Erscheinungs- und Organisationsformen der Commons entsteht aus den Kombinationsmöglichkeiten ihrer Elemente: den so genannten Gemein- oder Allmendressourcen (common pool resources), den Nutzergemeinschaften (von kleinen Gruppen bis zur Weltgemeinschaft) sowie den selbstbestimmten Regeln und Normen.

Viele unterschiedliche Gemeinressourcen können zu Commons werden: Grund und Boden, Saatgut, Rohstoffe, Wasser, Wissen, Kunst und Kultur, Sprache, öffentliche Räume, ein Gesundheits- oder Bildungssystem, Software und anderes mehr. Dieser Prozess hängt von den politischen Entscheidungen und sozialen Prozessen vor Ort ab. Der Begriff selbst beinhaltet jenen der Gemeinschaft: »allen Gemeindemitgliedern (im Wechsel) zukommend«. Commons werden durch kollektives Handeln gepflegt, erhalten und fortentwickelt. Dieser Prozess wird als commoning bezeichnet. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Produktion für den Markt, sondern um die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung. Ob etwas Commons ist oder wird, hängt also von der Art der Nutzung und von gelingendem commoning ab.

Für Commons gibt es keine Patentrezepte. Doch nach Ostrom gibt es »Designprinzipien«, die dafür sorgen, dass commoning gelingt und Commons langlebig sind: Klare (Grenz-)Regeln gehören dazu, möglichst direkte Kommunikation und Mechanismen zum Aufbau vertrauensvoller Kooperation, durchsetzungsstarke Sanktionen im Falle der Regelverletzung sowie direkte Konfliktlösung. Insbesondere aber: ein Mindestmaß staatlicher Anerkennung für Problemlösungen »Von unten« und Selbstorganisation. Commons sind also nicht spezielle Güter, sie stellen auch keine spezielle Eigentumsform (Gemeineigentum) dar – noch viel weniger sind sie »Niemandsland«, und damit kein Bereich, in dem sich jedeR nach Gutdünken bedienen oder verhalten kann. Der Begriff bezeichnet vielmehr vielfältige Arrangements zur Herstellung und Erhaltung von gemeinsam genutzten Ressourcen. Das heißt: Commons sind nicht. Sie werden gemacht. Grundlegend dafür ist eine spezifische Art der sozialen Verhältnisse zwischen Menschen in Bezug auf die Dinge, die für ihre Existenz notwendig sind. Dazu gehört die Einsicht, dass Ressourcen, die für unser Leben und unsere kulturelle Entfaltung notwendig sind, nicht exklusiv angeeignet werden können, sondern fairer und nachhaltiger sozialer Aneignungsprozesse bedürfen. Commons begründen und beinhalten Verantwortungsbeziehungen. Die Komplexität großer (Gemein-)Ressourcensysteme verlangt nach Ostrom ein polyzentrisches Governancesystem. Eine Ordnung also, die nicht aus einer ordnenden Autorität besteht, sondern aus miteinander verzahnten kleineren Einheiten, sodass auch hier Selbstbestimmung und Selbstorganisation möglich sind.

Commons sind im Grunde so alt wie die menschliche Gesellschaft. Ursprünglich stammt der Begriff aus dem vorindustriellen England. Die Grundrechte der Menschen sollten durch Nutzungsrechte an »commons« abgesichert werden. Holz zum Bauen und Heizen, Weide für das Vieh und Land zum Anbau von Lebensmitteln war zur Nutzung für alle bestimmt, auch wenn der Grundbesitz privat blieb (bei Commons spielen viele unterschiedliche Eigentumsformen eine Rolle, die vielfach miteinander kombiniert werden können). Umgekehrt wurden durch die Art der Nutzung die Pflege und der Erhalt der Wälder und Weiden garantiert. Zudem gehörte zum Recht auf Commons auch das Recht zu ihrer Verteidigung, also das Recht, Zäune einzureißen und enclosures (Einhegungen) zu verhindern.

Ein wichtiger Impuls zur aktuellen Wiederbelebung der Commons-Debatte kam aus der Wissenschaft, insbesondere aus den interdisziplinären Forschungsnetzen, die in der International Association for the Study of the Commons (IASC) organisiert sind. Augenmerk wurde seit Beginn der 1990er Jahre zudem auf die Einhegung der Commons in den Bereichen Wissen/Information/Kultur gelegt. In der Praxis haben die Freie Software Bewegung und die Projekte der Wissensallmende (Creative Commons/Wikipedia, Open Educational Resources) die Auseinandersetzung dynamisiert.

Konsequent in Commonskategorien zu denken, bedeutet aufzuhören, in Dichotomien zu denken: Jenseits von Individuum versus Kollektiv, aber auch »jenseits von Markt und Staat« (Ostrom). Darin liegt die entscheidende transformatorische Kraft eines Paradigmas, das sich zur Alternative der kapitalistischen Marktwirtschaft entwickeln kann – samt ihres eingebauten Wachstumszwangs, dem die Politik nichts entgegenzusetzen hat und der die uns verfügbaren Gemeinressourcen erheblich erodiert.

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