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Exodus

Der Begriff des Exodus, wie er hier verwendet wird, ist vor mehr als 30 Jahren in den diskursiven und aktivistischen Strömungen der italienischen Autonomia und des Post-Operaismus entstanden. Er bezeichnet eine aktive Bewegung der Verweigerung und des Abfallens, allerdings nicht in ein Außerhalb oder Jenseits bestehender Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Exodus ist als politisch-theoretisches Konzept historisch nicht zu trennen von politischen Kämpfen.

Eine genealogische Linie des Exodus lässt sich in den 1970er Jahren aus dem Begriff der Fluchtlinie von Gilles Deleuze und Felix Guattari ziehen. Die Figur des Fliehens bezeichnet hier eine Bewegung der Desertion, ein Ausweichen aus dem Zwang von Entzweiung und Aufhebung, das über die Logik der Negation und der widerständigen Reaktion hinausreicht. Eine Fluchtlinie ist eine erfinderische Form der Offensive, die Möglichkeiten der Kritik und der Kämpfe eröffnet und erprobt, die im gesellschaftlichen Gefüge bisher nicht vorgesehen waren. Es geht dabei nie um ein individualistisches und voluntaristisches Verlassen gesellschaftlicher Verhältnisse, die sich doch in unseren Körpern, Beziehungen und Denkweisen manifestieren. Vielmehr bedeutet Fliehen eine Bewegung des Abfallens von den Verhältnissen, die darin nicht als alternativlos akzeptiert werden. Die Flucht ist mehr als eine negative Bewegung des Entziehens, sie besteht zugleich in der Erfindung neuer Waffen, von Strategien des Kampfes und der Neuzusammensetzung sozialer Gefüge.

Die Genealogie des (post-)operaistischen Denkens ist ein wichtiger Strang jener Kämpfe, die sich im Italien der 1960er und 1970er Jahre entwickelten und die von den Arbeitskämpfen in den großen Fabriken über die außerinstitutionellen Kämpfe der Autonomia Operaia in eine sehr früh einsetzende theoretische und praktische Auseinandersetzung mit den noch heute andauernden Transformationen der kapitalistischen Produktionsweise mündeten. In diesen Erfahrungen der Autonomia war Flucht immer schon ein geläufiger Begriff, und zwar vor allem als Flucht aus den Fabriken. Als zentraler Ort von Produktion und Kämpfen wurde allerdings nicht mehr nur die Fabrik verstanden, sondern die Arbeit an der Gesellschaft, eine »diffus« gewordene Fabrik oder die »Stadt als Fabrik«.

In dem Buch Empire (2002) von Antonio Negri und Michael Hardt kommt ausgehend von historischen Migrationsbewegungen der migrantische Exodus in den Blick, vor allem als Aufkündigung der nationalstaatlichen Logik der Grenzen und im Sinne eines Rechts auf Bewegungsfreiheit. Neben diesem Exodus aus den Peripherien, die im globalen postfordistischen Regime unter neuen Ausbeutungsformen leiden, treten in den Büchern Hardts und Negris noch drei weitere Kategorien des Exodus in Erscheinung: die alte in der Autonomia entstandene Figur des Auszugs der Arbeiterinnen aus den Fabriken, damit auch aus den Normalarbeitsverhältnissen und patriarchalen Verhältnissen; das Abfallen vom Staat und der repräsentativen Demokratie als Exodus aus einer obsoleten Form der Regierung und des Regiertwerdens; und schließlich auch der Auszug aus den engen Grenzen des anthropologischen Schemas, das den Menschen zugleich als Mittelpunkt konzipiert und ihn in den Grenzen seines vergeschlechtlichten Körpers einschließen möchte.
Der in den 1970er Jahren wie Negri im italienischen Operaismus aktive Philosoph Paolo Virno entwickelt sein eigenes Exodus-Konzept schon sehr früh. Ausgehend von einem Bild, das schon Marx als Krise des kapitalistischen Akkumulationsprozesses beschreibt, der Desertion der Arbeiterinnen aus der Fabrik, versucht sich Virno an einer Interpretation der Schwierigkeiten der Implementierung des Kapitalismus in den USA. Niedrige Kosten für Landbesitz, ein scheinbar fast unerschöpfliches Reservoir an Land, eine Situation der Überfülle ermöglichten die massenhafte Flucht aus der Arbeit unter den Lohnherren. Virno zufolge sind der in den 1970er Jahren entstehende Kult der Mobilität, das Begehren, der Eindeutigkeit zu entfliehen, die Desertion aus der Fabrik Wiedergänger dieser frühen US-amerikanischen Krise des Kapitalismus.

Virnos Konzept eröffnet eine Seitenstraße, die noch nicht auf den politischen Karten verzeichnet ist, um genau jene Grammatik zu verändern, die die Auswahl aller denkbaren Wahlmöglichkeiten bestimmt: »Indem wir sekundären oder heterogenen Faktoren Vorrang geben, bewegen wir uns schrittweise weg von einem bestimmten Problem, nämlich der Frage: Unterwerfung oder Aufstand?, zu einem ganz anderen Problem: Wie können wir eine Bewegung des Abfallens verwirklichen und zugleich Formen der Selbstverwaltung erproben, die zuvor unvorstellbar waren?«

Zum Weiterlesen:

  • Deleuze, Gilles/Guattari, Felix (1992): Tausend Plateaus, Berlin.
  • Hardt, Michael/Negri, Antonio (2002): Empire, Frankfurt a.M./New York.
  • Virno, Paolo (2010): Exodus, hrsg., eingel. und übers. von Klaus Neundlinger und Gerald Raunig, Wien.
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